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Die Synthese oder Zusammenstellung sehr großer molekularer
Bibliotheken mit möglichst hoher Diversität sollte den Prozess
der Arzneistoffentwicklung entscheidend verkürzen. Die konsequente
Anwendung der neu entwickelten Methoden der kombinatorischen Chemie im
Zusammenspiel mit dem Ultra-Hochdurchsatzscreening versprach, die Suche
nach neuen Arzneistoffen zu optimieren. Molekularbiologische Fortschritte
sollten neue Ansatzpunkte für die Pharmakotherapie erschließen.
Konnten die hohen Erwartungen an die neuen Arbeitstechniken erfüllt
werden? Dieser Beitrag stellt den Stand der Etablierung, Erfolge in der
Wirkstoffentwicklung und aktuelle Trends in der kombinatorischen Chemie
vor.
Die abgeschlossene Grobkartierung des menschlichen Genoms und die Fortschritte
bei der interdisziplinären Entwicklung von Hochleistungstestverfahren
für Arzneistoffkandidaten stellen eine weitere schnelle Identifizierung
attraktiver Angriffspunkte und die Bereitstellung geeigneter Testmodelle
für die Arzneistoffentwicklung in Aussicht (1). Plötzlich erscheint
es möglich, Wirkstoffe gegen viele bisher nicht behandelbare Erkrankungen
zu finden. Es müssen lediglich genügend Testkandidaten durchgemustert
und die erhaltenen Leitstrukturen optimiert werden. So einfach ist das.
Oder vielleicht doch nicht?
Leitstrukturartige Leitstrukturen
Die biologische Evaluierung von Molekülsammlungen oder kombinatorischen
Bibliotheken führte in den letzten Jahren häufig zu Strukturen
mit relativ hohem Molekulargewicht und hoher Lipophilie, die ihre oft nur
moderate Aktivität über eine Vielzahl schwacher Wechselwirkungen
erreichen. Der Versuch, durch Molekülvereinfachung eine Pharmakophor-Grundstruktur
herauszuarbeiten, ist in diesem Fall aussichtslos. Das früher in der
medizinischen Chemie verwendete Bild vom "Rohdiamanten", der lediglich
geschliffen werden muss, trifft für solche Leitstrukturen nicht zu.
Das synthetisch relativ einfache Hinzufügen lipophiler Substituenten
führt zwar wahrscheinlich zu aktiveren Verbindungen, da zusätzliche
hydrophobe Bindungsareale erschlossen werden. Solche Derivate haben aber
unweigerlich ein für Arzneistoffe ungünstig hohes Molekulargewicht
und schlechte physikochemische Eigenschaften und sind deshalb schwer optimierbar.
Idealerweise werden nicht von einer groben Leitstruktur Ecken und Kanten
entfernt oder ersetzt, sondern an geeignete kleine und polare Grundstrukturen
lipophile Seitenketten hinzugefügt, die die Affinität auf vergleichsweise
einfache Art verbessern. Es müssen also kleinere und polarere Hits
gefunden und ausgewählt werden. Daher sucht man heute - als Ausgangspunkt
für die Wirkstoffsuche - gezielt nach solchen Verbindungen. Teague
und Mitarbeiter bezeichnen diese im Gegensatz zu Leitstrukturen mit wirkstoffartigen
Eigenschaften als "leitstrukturartige Leitstrukturen" (2).
Kommerzielle Anbieter von Molekülbibliotheken tragen dieser Erkenntnis
zunehmend Rechnung. Viele bisher dargestellte Bibliotheken sind für
die Wirkstoffforschung jedoch praktisch wertlos. Ein neuer Trend zeichnet
sich ab: Substanzbibliotheken, die via Internet angeboten werden, werden
auf ihre Eignung für eine konkrete Fragestellung überprüft
und aussichtsreiche Substanzen eingekauft.
Auslesekriterien bestimmen das Ergebnis
Das "erste Gesetz der gerichteten Evolution" von Enzymen beschrieb Arnold
vom California Institute of Technology als "You get what you screen for"
(3). Mit anderen Worten: Der Erfolg bei einem Screening hängt davon
ab, wie gut das Testsystem genau die Eigenschaften misst, die relevant
und erwünscht sind.
Wird bei einem Arzneistoff-Screening nur eine ausgewählte Eigenschaft
wie Bindungsaffinität zu einem Zielenzym gemessen, andere wichtige
Parameter wie physikochemische Eigenschaften aber vernachlässigt,
können unbrauchbare Treffer resultieren. Zur Vermeidung dieser Problematik
müsste ein Testsystem möglichst alle relevanten Parameter gleichzeitig
berücksichtigen. Da das mit In-vitro-Systemen unmöglich ist und
In-vivo-Versuche erst zu einem fortgeschrittenen Stadium ethisch vertretbar
sind, müssen die nicht gemessenen, aber wichtigen Einflussgrößen
aus den Messwerten abgeleitet werden. Jedoch ist die Deduktion von peroraler
Verfügbarkeit, pharmakokinetischen Eigenschaften oder Toxizität
aus einem Ligandenbindungstest ebenfalls schwierig; daher geht man in der
Arzneistoffforschung andere Wege. Ergebnisse verschiedener Testsysteme
werden miteinander kombiniert oder nur Testkandidaten mit maßgeschneiderten
Eigenschaften bezüglich nicht gemessener, aber wichtiger Parameter
in ein Auswahlverfahren eingespeist.
Dies ist vielleicht vergleichbar mit der Internetsuche nach einem Supersportwagen.
Geben Sie als Suchkriterien eine hohe Motorleistung und breite Reifen ein,
findet Ihre Suchmaschine neben einem Porsche auch einen Traktor und einen
Bus. Wahrscheinlich ist eine schwere Arbeitsmaschine der beste Hit. Erst
wenn nur PKW für die Suche zugelassen werden, auch nach der erreichbaren
Höchstgeschwindigkeit selektiert oder ein Filter für Fahrzeughöhe
und Gewicht eingebaut wird, finden Sie brauchbare Treffer.
Um im Arzneistoff-Screening nur Moleküle mit günstigen Eigenschaften
für die Optimierung zu finden, werden die Baupläne moderner molekularer
Testsubstanzbibliotheken entsprechend konzipiert. Als Anhaltspunkt wird
zurzeit beispielsweise "Lipinski´s Rule of Five" herangezogen (4).
Eine schlechte Absorption oder Permeation des Arzneistoffkandidaten ist
wahrscheinlich, wenn mehr als ein Kriterium erfüllt ist (Tabelle 1).
Tabelle 1: Lipinski´s Rule of Five
| Schlechte Absorption
oder Permeation ist wahrscheinlich: |
-
Das Molekül weist mehr als fünf H-Bindungsdonoren auf (ausgedrückt
als Summe von OH und NH).
-
Das Molekulargewicht ist größer als 500 Dalton.
-
Der log P Wert ist größer als 5.
-
Das Molekül weist mehr als zehn H-Bindungsakzeptoren auf (ausgedrückt
als Summe von O- und N-Atomen).
-
Verbindungsklassen, die biologische Transporter ausnutzen, stellen Ausnahmen
dar.
|
Ob die von Lipinski und Mitarbeitern bei Pfizer herausgearbeiteten physikochemischen
Eigenschaften kompromisslos beachtet werden müssen, wird die Zukunft
zeigen. Die Analyse beruht auf Daten von Arzneistoffen, die in biologischen
Untersuchungen aus Substanzkollektiven ausgewählt, optimiert und in
die Therapie eingeführt worden waren. Typischerweise enthielten die
Ausgangskollektive viele Verbindungen mit einem für synthetische Moleküle
der
sechziger und siebziger Jahre repräsentativen Molekulargewicht von
unter 500 Da. Folglich findet man bei diesen Verbindungen eher aktive Vertreter
mit einem niedrigen Molekulargewicht.
In einem Artikel von Lee und Schneider von Hoffman-La Roche wurden die
Grundstrukturen von 5757 Arzneistoffen aus dem Derwent World Drug Index
(WDI) mit 10495 Naturstoffen der BioscreenNP Datenbank bezüglich der
Parameter von "Lipinski´s Rule of Five" gegenübergestellt (5).
Erstaunlicherweise erfüllten die Naturstoffe die Kriterien ähnlich
gut wie die synthetischen Arzneistoffe vielfältiger Herkunft. Nur
zwölf Prozent der Naturstoffe verletzen zwei oder mehr der Kriterien,
das sind nur wenig mehr als bei den Arzneistoffen des WDI (10 Prozent).
Der zunächst naheliegende Verdacht, dass Naturstoffe bei Beachtung
von Lipinskis Regeln zukünftig zu unrecht von der Leitstruktursuche
und -optimierung ausgeschlossen werden könnten, scheint also unbegründet.
Zurzeit im Handel befindliche Arzneistoffe enthalten mehr Stickstoffatome
als die zum Vergleich herangezogenen Naturstoffe (Tabelle 2). Bei älteren
Versionen der WDI-Datenbank trat dieser Effekt noch deutlicher hervor.
Das Zurückgehen dieser "N-Lastigkeit" bei neuen Arzneistoffen scheint
also ein Trend in der Wirkstoffentwicklung zu sein.
Tabelle 2: Vergleich von Arznei- mit Naturstoffen bezüglich
der Erfüllung von Lipinski´s Rule of Five
| Eigenschaften der Moleküle |
Arzneistoffe des WDI |
Naturstoffe der BioscreenNP |
| Anzahl der betrachteten Moleküle |
5757 |
10495 |
| H-Bindungsdonoren pro Molekül |
2,5 |
1,8 |
| berechnetes Molekulargewicht MWc [Da] |
356 (261) |
360 (166) |
| berechneter log P Wert |
2,1 (3,0) |
2,9 (2,9) |
| H-Bindungsakzeptoren: |
|
|
| Summe der N-Atome pro Molekül |
2,3 |
1,4 |
| Summe der O-Atome pro Molekül |
4,1 |
4,3 |
| Verletzung von mehr als einer der vier Regeln (in Prozent) |
10 |
12 |
Zahlen in Klammern sind Standardabweichungen. Nach (5)
Mit Hilfe leistungsfähiger Computer lassen sich Parameter,
die die Eignung als Arzneistoff beeinflussen, zusammenführen und bewerten.
Besonders die Arbeiten von Forschern der BASF haben auf diesem Gebiet der
computerunterstützten Struktur-Eigenschaftsanalyse neue Wege, zum
Beispiel unter Verwendung neuronaler Netze, erschlossen (6). Andere Verfahren,
die die Arzneistoffeignung von organischen Molekülen erfassen und
vorhersagen sollen, basieren auf gedanklichen Filtersystemen, bei denen
Substanzen in einem Punktesystem bewertet werden. Eine hohe Zahl isolierter
funktioneller Gruppen in einem Molekül spricht zum Beispiel in dem
von Muegge (7) und Mitarbeitern vom Bayer Research Center in West Haven,
Connecticut, vorgestellten Selektionsmodell für eine potenzielle Eignung
als Arzneistoff.
Was hat die Kombinatorik bisher bewirkt?
Das medizinisch-chemische Labor hat sich grundlegend verändert:
Automation in Synthese und Logistik ist nicht mehr wegzudenken.
Die tatsächlichen Erfolge der kombinatorischen Chemie in der Forschung
sind nur schwer direkt nachprüfbar. Nur sporadisch findet man genaue
Angaben über Arzneistoffkandidaten, die als Hits aus kombinatorischen
Bibliotheken hervorgegangen oder durch kombinatorische Methoden optimiert
worden sind. Die Überlegenheit in Bezug auf gesparte Zeit oder Kosten
ist nicht eindeutig festzustellen. Die meisten Publikationen zu den Themen
Combinatorial Chemistry oder Solid Phase Synthesis - jeweils etwa 600 im
letzten Jahr - beschäftigten sich hauptsächlich mit der Methodenentwicklung.
Ein gutes Beispiel stellen neue "spurlose" Ankergruppen dar, die im Rahmen
der Tagung der Fachgruppe Pharmazeutische/Medizinische Chemie der DPhG
in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Medizinische Chemie der GDCh vom 5.
bis 7. März in München von Bräse (8) und Gmeiner (9) vorgestellt
wurden.
Erfolgsberichte über praktisch marktreife Entwicklungssubstanzen
aus Laboratorien der Pharmaindustrie sind dagegen selten. Durch kombinatorische
Synthesen werden aber ständig neue aktive Verbindungen wie Kinase-Inhibitoren
(10) oder antibiotisch wirksame Verbindungen (11) gefunden und publiziert.
Forschern von Schering-Plough gelang es, mit SCH-351125 (SCH-C) einen vielversprechenden
Hemmstoff des HIV zu identifizieren. Die Verbindung aus Schering-Ploughs
Testsubstanzsammlung, deren klinische Phase I in Europa praktisch abgeschlossen
ist, wurde durch klassische medizinisch-chemische und kombinatorische Methoden
vor allem hinsichtlich der Bioverfügbarkeit nach peroraler Applikation
optimiert. Angriffspunkt ist der humane Chemokinrezeptor CCR5. Nach Bindung
des Virus über gp 120 an CD4 müssen die Co-Rezeptoren CCR5 oder
CXCR4 mit dem Virus interagieren, damit die Virusoberfläche mit der
CD4-Zellmembran verschmelzen kann. Der von Takeda Chemical Industries Ltd.
bereits vorher entdeckte CCR5-Blocker TAK-779 wurde dabei aus dem Rennen
geworfen. Die Entwicklung dieser nur parenteral applizierbaren Verbindung
wurde abgebrochen.
Block Buster, also eingeführte Arzneistoffe mit Jahresumsätzen
im dreistelligen Millionenbereich, sucht man aber noch vergeblich.
Tatsächlich sind praktische Erfolge vorhanden, sie werden nur durch
die weit fortgeschrittene Etablierung der kombinatorischen Chemie sowie
die Verwebung mit klassischen Techniken und neuen Methoden des computerunterstützten
Drug Design kaschiert. Dies lässt sich an der Etablierung der kombinatorischen
Methoden bei einem Pharmaunternehmen wie Bayer ablesen. Durch Zukauf von
Verbindungsbibliotheken und eigene Hochdurchsatzsynthesen konnte die Molekülsammlung
vervielfacht werden. Nach der Installation eines der weltweit größten
Testsubstanzlager - einem Neubau für sechs Millionen Verbindungen
im Wuppertaler Pharma-Forschungszentrum - können sehr viel mehr Testkandidaten
als bisher für ein Screening bereitgestellt werden. Die größere
Anzahl von chemischen Substanzen, die dem Auswahlprozess nach pharmakodynamischen
und pharmakokinetischen Kriterien unterworfen werden, stellt an sich einen
großen Erfolg dar - selbst dann, wenn die im Testsystem ausgewählten
Kandidaten nicht aus der kombinatorischen Synthese stammen. Von Wuppertal
aus wird Bayer in Zukunft seine weltweite Pharma-Forschung mit Prüfsubstanzen
versorgen. Eine logistische Aufgabe, die nur durch Automatisierung zu lösen
ist. Roboter transportieren, sortieren, bilanzieren und lagern die Behälter
mit den Bibliotheksmitgliedern, so dass die vollautomatische Wiederfindung
von Substanzen gewährleistet ist.
Die schnellere Synthese zusammen mit dem schnelleren Zugriff auf die
Testsubstanzen beschleunigt den Suchprozess. So wird der Weg zum Treffer
im Testsystem und weiter über die Wirkstoffoptimierung zum Entwicklungskandidaten
weitaus effizienter. Die kombinatorische Chemie bietet also Vorteile im
industriellen Wettbewerb. Die Methode liefert einen großen Fundus
an Testsubstanzen, und diese breite Basis erhöht die Qualität
der späteren Entwicklungskandidaten.
Die Arzneistoffentwicklung ist nicht leichter und schon gar kein Kinderspiel
geworden. Gleichwohl haben sich die kombinatorische Chemie, die Entwicklung
neuer Synthesetechniken und das Handling großer Substanzzahlen und
Datenmengen etabliert. Erst eine retrospektive statistische Auswertung
in mehreren Jahren wird zeigen, ob sich die durchschnittlichen Entwicklungszeiten
für neue Arzneistoffkandidaten verringern ließen und sich der
Aufwand für die forschende Pharmaindustrie unter dem Strich gelohnt
hat. Bis jetzt spricht alles dafür.
Laminare Trägersysteme
Die Bereitstellung von maßgeschneiderten Molekülsammlungen
unter Verwendung planarer Trägersysteme wurde bei der Gesellschaft
für Biotechnologische Forschung mbH GBF in Braunschweig schon seit
Anfang der achtziger Jahre betrieben. Frank und Mitarbeiter der Arbeitsgruppe
Molekulare Erkennung der GBF setzen die aktuelle Microarray-Technologie
sowohl für die routinemäßige Parallelsynthese großer
Substanzbibliotheken als auch zur Klärung molekularbiologischer Fragen
ein. Unter anderem werden durch die Auftragssynthese als Dienstleistung
für andere GBF-Abteilungen Substanzen in einem Umfang bereitgestellt,
dessen hoher materieller Gegenwert auf anderem Weg gar nicht finanzierbar
wäre.
Die Leistungsfähigkeit solcher laminarer Syntheseautomaten ist
beeindruckend. Auf der Fläche, die einer handelsüblichen Compact
Disk entspricht, können durch miniaturisierte Hochleistungsdispensiersysteme
2500 diskrete Reaktionspunkte in höchster Geschwindigkeit und Präzision
angesteuert werden. In diesen isolierten Punkten können 2 500 Testsubstanzen
in sehr kurzer Zeit synthetisiert und zur biologischen Untersuchung bereitgestellt
werden. Dieses Verfahren hat sich besonders bei der Synthese von Peptidbibliotheken
bewährt. Diese haben einen unstrittig hohen Stellenwert als Werkzeuge
zur Untersuchung von Fragen aus der Zellphysiologie und Rezeptorforschung.
In der Arzneistoffforschung sind Peptidbibliotheken wegen der problematischen
Resorptionseigenschaften von Peptiden aus der Mode gekommen.
Seit der Entdeckung, dass Polyarginine wie das virale Tat-Protein in
hohem Maße aktiv von Zellen aufgenommen werden, scheint eine Lösung
des Problems in Sicht. Das Anhängen von mehreren Arginin-Einheiten
an ein Peptid könnte die ansonsten nicht mögliche Resorption
gewährleisten (12).
Renaissance von Peptidbibliotheken
Verschiedene Arbeitsgruppen haben Peptidbibliotheken eingesetzt, um
Oligonukleotid-Liganden zur Hemmung der HIV-Vermehrung über Blockade
des Transactivation Responsive RNA-Elements (TAR) zu identifizieren (13).
Der Gruppe von Hamy und Mitarbeitern gelang es, aus 20 Teilbibliotheken
von jeweils 160.000 Nonapeptid/Peptoid-Chimären Inhibitoren der TAR-RNA
zu identifizieren (14). Das erhaltene Derivat CGP64222 mit vier Guanidingruppen
und drei primären Aminogruppen ist eines der ersten publizierten Beispiele
für eine antivirale Substanz, deren Aktivität auf einer Protein/RNA-Wechselwirkung
beruht.
In Gelelektrophorese-Experimenten konnte gezeigt werden, dass CGP64222
die Formierung des Tat-TAR-Komplexes noch in Konzentrationen von 12 nM
auf die Hälfte reduzieren kann (IC50 12 nM). Die Hemmaktivität
gegen HIV-1 ist in vitro nur schwach ausgeprägt (IC50 >100
µM). Es wurde bisher fälschlich angenommen, dass polykationische
Verbindungen Biomembranen nur schwer überwinden und dies der Grund
für eine schwache Aktivität in In-vitro-Zellsystemen sei. Das
Gegenteil ist für solche Polyarginin-Strukturen mittlerweile nachgewiesen
(12).
Verbindungen wie ALX40-4C stellen wegen ihrer Guanidin-Partialstrukturen,
die im hohem Maße einen aktiven Transport in die meisten Zellen vermitteln,
sogar einen völlig neuen Ansatz zum Design von Transportformen für
schlecht membrangängige Arzneistoffe dar. Die im Bereich der Arzneistoffentwicklung
bereits totgesagte Festphasensynthese von Peptidbibliotheken erlebt damit
eine Renaissance. Die Anheftung von Derivaten wie ALX40-4C an Arzneistoffe
wie Cyclosporin A oder Paclitaxel wird derzeit intensiv entwickelt und
erscheint außerordentlich Erfolg versprechend (15). Die Inkorporierung
von Polyarginin-Strukturen kann die Aufnahme peptidischer Arzneistoffe
erheblich verbessern. Ob D- oder L-Arginin eingesetzt wird, scheint unerheblich;
L-Argininpeptide werden lediglich leichter von Peptidasen gespalten. Allerdings
binden polykationische Verbindungen naturgemäß an alle Substanzen
mit Polyphosphat-Rückgrat mehr oder weniger stark und erschweren so
das selektive Erreichen ausgewählter Zielstrukturen.
Die in vitro beobachtete Anti-HIV-Aktivität von Poly-D-Arginin
ALX40-4C beruht in erster Linie nicht auf der strukturellen Analogie zum
Tat-Peptid und einer daraus resultierenden Inhibition des Tat-TAR-Aktivierungsmechanismus.
ALX40-4C erwies sich vielmehr als Ligand des stark negativ geladenen Chemokinrezeptors
CXCR4 (Fusin). Es verhindert - ähnlich wie das von Forschern am Rega
Institut für medizinische Forschung in Belgien in Zusammenarbeit mit
AnorMED gefundene AMD-7049 - dessen "Missbrauch" als HIV-1-Co-Rezeptor
durch auf T-Zellen ausgerichtete HIV-Stämme (16, 17).
MCR im Rampenlicht
Aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf erwacht ist die von
Ugi in München maßgeblich mitgeprägte Entwicklung von Multikomponentenreaktionen,
den MCR (Multi component reactions). Der erste Kongress exklusiv zu diesem
Thema in München (MCR 2000) sowie der Beitrag von Ugi auf der DPhG-Fachgruppentagung
zeigten das sprunghaft gestiegene Interesse an solchen Reaktionen. Auch
ohne aufwändige Multistufen-Festphasensynthesen können durch
MCR molekulare Bibliotheken hoher oder maßgeschneiderter Diversität
in Lösung aufgebaut werden. Drei Typen werden zurzeit unterschieden:
-
Typ I: Synthesen vom Streckertyp oder die klassische Mannich-Reaktion.
Edukte, Zwischenprodukte und Endprodukte liegen im Gleichgewicht vor.
-
Typ II: Synthesen wie die Ugi-Reaktion, bei der nur Edukte und Zwischenprodukte
equilibrieren, aber die Produkte irreversibel und oft in hoher Ausbeute
und Reinheit entstehen.
-
Typ III: MCR, bei denen alle Unterreaktionen irreversibel sind.
Die mögliche Beeinflussung von Gleichgewichten bei der MCR vom Typ
I erschließt eine interessante Option: Gibt man einer Reaktionsmischung
bereits einen biologischen Bindungspartner wie einen Rezeptor hinzu, werden
die häufiger oder länger gebundenen Derivate dem Gleichgewicht
vorübergehend entzogen und reichern sich an. Dadurch kommt es zu einer
Auswahl der gebildeten Produkte durch die biologische Zielstruktur. Solche
quasi-evolutionären Ansätze sind ein neuer Trend in der kombinatorischen
Chemie.
Dynamisch-selektionierende Methoden
Versuche, Hits mit Hilfe dynamischer Bibliotheken zu erhalten, beschrieben
kürzlich Lehn und Mitarbeiter (18, 19). So ließen sich Acetylcholinesterase-Inhibitoren
dadurch identifizieren, dass geeignete Bausteine reversibel in einem dynamischen
Gleichgewicht unter Ausbildung von Acylhydrazonen kondensiert und die erhaltenen
Mischungen an Acetylcholinesterase des Rochens Torpedo marmorata auf Aktivität
untersucht wurden. Durch Wiederholung des Experiments unter Verzicht auf
jeweils einen Baustein wurden die Bausteine identifiziert, die für
die biologische Aktivität besonders wichtig waren. Am Ende konnte
aus vier Hydraziden, vier Aldehyden und sechs Dialdehyden ein bikationischer
Ligand mit einer inhibitorischen Aktivität von IC50 = 2,3
nM aufgebaut werden.
Die volle Leistungsfähigkeit des Verfahrens wird aber erst dann
ausgeschöpft, wenn die bisher notwendige, nachträgliche Identifizierung
der aktivsten Verbindungen (Dekonvolution) dadurch vermieden wird, dass
eine deutliche Anreicherung durch die Anwesenheit der biologischen Zielstruktur
im Reaktionsmedium erreicht werden kann. Die Ableitung von Struktur-Aktivitätsbeziehungen
wäre dann allerdings nicht mehr möglich, es fiele einem sozusagen
nur eine aktive Verbindung in den Schoß. Hochleistungs-Screeningverfahren
werden dabei nicht benötigt. Die Bedeutung dieser "dynamischen kombinatorischen
Chemie" im Vergleich zur etablierten "statischen" Kombinatorik kann zurzeit
noch nicht abgeschätzt werden.
Ein anderes Verfahren, bei dem die Zielstruktur mithilft, die Gestalt
seines Liganden zu formen, ist das von Ellman vorgestellte Target-guided
ligand assembly (20). Hierbei werden zunächst schwach bindende Fragmente
identifiziert und vergleichbar dem dargestellten Ansatz über verschiedene
Linker verbunden und evaluiert.
Polymergebundene Reagenzien
Das High-Speed Analoging, also die beschleunigte Synthese von Leitstrukturanaloga,
ist ein hoch kompetitives Arbeitsfeld. Viele neue Methoden zur Bereitstellung
von Derivaten einer einmal identifizierten bioaktiven Struktur werden zurzeit
bearbeitet. Die Ausarbeitung von Reaktionen an polymeren Trägern ist
nicht trivial und beinhaltet üblicherweise eine unproduktive Anlaufphase,
in der sogar weniger Testverbindungen erhalten werden als mit der klassischen
Synthese in Lösung. Diffusionsprobleme, Adsorptionen und eine Reihe
von unvollständig verstandenen Phänomenen erschweren oft die
Synthese an vernetzten polymeren Trägerpartikeln. Daher gibt es verschiedene
Wege, durch polymergebundene Reagenzien die Vorteile einer schnellen Aufarbeitung
zu nutzen, ohne die bekannten Nachteile der Festphasensynthese, nämlich
die durch Trägermaterialien erschwerte Analytik, in Kauf nehmen zu
müssen.
In unserer Arbeitsgruppe wurden Reihen von analogen Nukleosidderivaten
durch Umsetzung von ungeschützten multifunktionellen Bausteinen mit
Acylierungsreagenzien synthetisiert (21). Dabei konnten wir diverse Carbonsäuren
am Träger herstellen und unter Vermeidung von Schutzgruppenoperationen
praktisch vollständig auf die in Lösung bereitgestellten Grundstrukturen
übertragen (22). Auf diese Weise nutzen wir die Vorteile der Festphasensynthese
bei der Darstellung von Harz-gebundenen Carbonsäurebibliotheken, zum
Beispiel durch nukleophile Substitution am Aromaten (23). Die eigentliche
Synthese der Testverbindungen erfolgte anschließend durch die nach
chemischer Aktivierung aus diesen Carbonsäurebibliotheken erhaltenen
reaktiven Säurederivate, die nun als polymergebundene Reagenzienbibliothek
verwendet wurden. Nukleophiler Angriff der gelösten Nukleoside auf
die am gequollenen Polymergerüst labil kovalent gebundenen acylierten
sekundären Sulfonamide führte zur chemoselektiven Ablösung
der Carbonsäureäquivalente. Überschüssiges und verbrauchtes
polymergebundenes Reagenz wurde anschließend einfach abfiltriert;
man erhält reine Lösungen der Testverbindungen. Diese Arbeiten
wurden durch die DPhG großzügig gefördert.
Die Arbeitsgruppe von Kirschning in Hannover entwickelte Durchflussreaktoren,
die der aus der HPLC bekannten Monolith-Technologie entsprechen und hervorragende
Eigenschaften für die Immobilisierung von Katalysatoren aufweisen.
Solche Kartuschen mit immobilisierten Katalysatoren scheinen einen alten
Traum der Chemiker wahr werden zu lassen. Eine Lösung von Substraten
wird durch die geeignete Säule gepumpt, und es resultieren die fertigen
Produkte in hoher Reinheit.
Andere Verfahren unter Verwendung von Löslichkeitssteuerungsauxiliaren
(24) setzen auf Protonierungskonzepte (25), so genannte Präzipitone
(26), "fluorige Phasen" (27) oder fakultativ lösliche lineare Polymere
(28). Bis jetzt hat sich aber die Synthese an quervernetzten polymeren
Trägern behaupten können. Die leichte Automatisierbarkeit der
extrem schnell und vollständig ablaufenden Trennungen durch Filtration
konnte von keiner anderen Methode erreicht werden.
Mit ungebremster Kreativität
Die kombinatorische Chemie ist den Kinderschuhen entwachsen und hat
sich neben dem Hochdurchsatzscreening (HTS) als ein Eckpfeiler des komplizierten
interdisziplinären Prozesses der Arzneistoffentwicklung etabliert.
Sie hat dabei sehr viel von ihrem Schwung bewahrt, die Kreativität
in der Methodenentwicklung ist ungebremst.
Heute stellt die rasche Bereitstellung und Durchmusterung von attraktiven
Wirkstoffkandidaten nicht mehr den Flaschenhals bei der Arzneistoffforschung
dar. Es werden schneller aktive Verbindungen höherer Qualität
gefunden. Der Beitrag der kombinatorischen Techniken wird dabei nicht direkt
sichtbar, weil es keine Rolle spielt, aus welcher Quelle ein Arzneistoffkandidat
tatsächlich stammt, der im HTS gefunden wird. Computergestützte
Wirkstoff-Design-Verfahren entscheiden mit, welche Verbindungen letztlich
synthetisiert werden. Wie Klebe und Mitarbeiter in einer Modellstudie eindrucksvoll
belegt haben, können durch Computerscreening virtueller Molekülbibliotheken
etliche Syntheserunden und damit Zeit und Geld gespart werden (29). Zudem
werden wiederkehrende Strukturen bei ganzen Zielmolekülmotiven stärker
herausgearbeitet; so müssen Forscher nicht bei jedem neuen Zielprotein,
für das ein Ligand benötigt wird, wieder bei Null anfangen.
Trotz dieser Fortschritte bleibt der Entwicklungsprozess für neue
Arzneistoffklassen langwierig und teuer. Werden jedoch Auslesekriterien
wie Toxizitätsparameter und ADME-Regeln (Absorption, Distribution,
Metabolismus, Exkretion) bereits beim Bibliotheksdesign berücksichtigt,
können Abbrüche von Projekten in späten Entwicklungsphasen
reduziert werden.
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